Apate

Aus der Dunkelheit erhebt sich ein sphärischer Spiegel. Vor ihm ein Objekt. Eine Plastik, welche sich mit hochpolierter Oberfläche zum Betrachter wendet und getarnt vom Spiegel kaum in Erscheinung tritt. Betrachtet man den Hohlspiegel in ihrer unmittelbaren Nähe, wird eine Gestalt sichtbar, welche als differenzierte und facettenreiche Form im Raum zu schweben scheint. Erkenntlich durch ihre bronzene Farbe und Stofflichkeit. Strukturen und Schatten zeichnen sich auf ihr ab und geben der Statur einen selbstbewussten, organischen Ausdruck. Bewegt man sich auf sie zu, verwandelt sich ihr Körper immerzu und nimmt neue Formen an. Neben ihr im Spiegel schweben zwei Ebenbilder. Es erweckt den Anschein, als wären sie die Spiegelbilder der Gestalt. Nähert man sich einem Rand des Hohlspiegels, zieht sich ihr Körper zurück in den Spiegel und verschmilzt mit einer ihrer Dopplungen. Geht man jedoch retour auf die gegenüberliegende Seite, entspringt sie ihrem Spiegelbild und kehrt in unseren Raum zurück bis sie uns folglich dieses Schauspiel in umgekehrter Richtung präsentiert.

Ein fremdes Wesen macht auf sich aufmerksam, durchgedrungen in unsere Atmosphäre. Vorsichtig nähert es sich uns an. Dabei reagiert es sensibel auf jede unserer Bewegungen und beobachtet dieses Vorgehen genau. Es ist ein leiser Versuch der Kommunikation aus einer anderen Welt. Lässt man die Aufnahme gewähren, verführt seine Anwesenheit zum Griff nach der befremdlichen Stofflichkeit seiner Gestalt. Tastet man nach dem Wesen, fliegt jedoch der trügerische Schein auf.

Unsere Sehwahrnehmung führt uns auf die falsche Fährte. Sie ersieht, begreift jedoch nicht. Nicht die Stoffeigenschaft gibt der Bildgestalt ihre Form, es ist das Licht als bildschaffende Energie. Sie lässt uns Gestalten unstofflicher Natur erkennen und ist Mittel für die Sicht in eine ungewöhnliche Perspektive. Neben Objekt und Raum dient sie uns als wichtiges Hilfsmittel zur Sichtbarkeit der losen, im Raum schwebenden Erscheinung. Zusammen bilden sie eine Brücke zu einem immateriellen Raum mit seiner virtuellen Konstruktion. Es ist ein Weg für unseren Blick in eine abweichende Realität. Eine Überfahrt von der Wirklichkeit zur Irrealität.

Abhängig vom Standort der Plastik, besonders aber vom Standpunkt des Betrachters, verändert sich dieses hervortretende Lichtbild. Steht man zwischen Hohlspiegel und dessen Brennpunkt, erscheint das Bild durch seine Verzerrung vergrößert. Bewegt man sich langsam zum äußeren Bereich des Brennpunktes, verschwindet es und zeigt sich darüber hinaus seitenverkehrt. Die in Erscheinung tretende Reflexion der Plastik wird durch Lichtrückstrahlung von der Spiegelfläche in den Raum zurückgeworfen. Das parallel einfallende Licht zum Spiegel konzentriert sich nach dem Rückwurf in einem Brennpunkt. In der Nähe des Brennpunktes entsteht ein konzentriertes Lichtbündel. Ein loses, schwebendes Bild wird für den Betrachter sichtbar und nimmt je nach Standort neue Formen an. Es verzerrt und vergrößert sich, teilt sich, verschwindet, kehrt sich um und spiegelt sich in seiner vielseitigen Struktur zu einer neuen Gestalt.

Schaffer dieses optischen Phänomens ist der Betrachter, welcher durch seine verschiedenen Blickwinkel die Variationen der auftretenden Form bestimmt.

Die Installation befindet sich in einem abgedunkelten Raum; Details werden mit verschiedenen Lichtquellen durch gezielte Beleuchtung hervorgehoben. Drei am Stahlträger befestigte Stahlseile heben den im Raum schwebenden Edelstahlspiegel, welcher für seine sphärische Biegung in einen Edelstahlrahmen gespannt ist. Ebenfalls mit Stahlseil am Träger befestigt ist eine aus zwei verschiedenen Metalllegierungen verschweißte Hohlplastik; eine zum Spiegel gewandte Silberbronze und auf der Kehrseite hochpoliertes Edelstahl.