«… wäre da nicht diese geheimnisvolle schwarze Mutation in der Mitte der Figur. Schwarz, rau und geheimnisvoll liegt dieser Rest ungeschliffener Oberfläche halb verborgen in einer Kuhle des Torsos, wie eine Insel aus Vulkangestein inmitten der spiegelnden Oberfläche eines ruhigen Sees. (…)

Es ist ganz klar eine Wirbelsäule. Das verstärkt natürlich den Eindruck, einen Torso vor sich zu haben. Aus dem ursprünglichen Stein ist ein menschlicher Körper geworden, die Wirbelsäule fungiert wie ein Attribut, ein Attribut für Leben. Aber es ist eben kein lebendiger Mensch, den wir da sehen, sondern ein Kunstwerk, ein Objekt, in dem Begriffe wie Leben, Mensch und Kunst zusammenfließen, auf jeden Fall eine Weiterentwicklung des vorgefundenen steinernen Strandguts…

Die Wirbelsäule ist ein Gerüst. Sie gibt dem menschlichen Körper Halt und schützt Rückenmark und Nervenwurzeln, sozusagen die Autobahnen unserer Mobilität. Mit der 1 Wirbelsäule beginnt die Entwicklung des menschlichen Körpers, Arme, Beine, Finger, Haare, das alles entsteht erst später, am Anfang der körperlichen Entwicklung aber steht – neben dem Gehirn –, die Wirbelsäule, oder zumindest ihr Vorläufer. Auch eine Plastik beginnt mit einem Gerüst. Noch bevor die Bronze nach einem schier unendlichen Hin und Her aus Positiv- und Negativformen gegossen werden kann, braucht es ein Tonmodell, und auch das braucht ab einer gewissen Größe erst einmal ein Gerüst, damit der Ton nicht in sich zusammensackt. Auf gewisse Art und Weise offenbart die Skulptur „Wandlung“ damit einen Teil ihres Entstehungsprozesses. Die Wirbelsäule zu zeigen, ist eine Offenlegung. Das Innere wurde hier nach außen gekehrt.

Mitten in der blankpolierten Bronzeoberfläche aber ist die Wirbelsäule auch eine Störung, eine Verletzung der schönen glatten Umgebung. Ein Mensch, dessen Wirbelsäule tatsächlich offen läge, hätte ein Problem. Eine Wirbelsäule steht daher nicht nur symbolisch für den Halt, den sie bietet, sie erinnert auch daran, dass ohne diesen Halt nichts geht, dass man die Wirbelsäule auch schützen muss. In der „Wandlung“ liegt die Wirbelsäule daher geschützt wie in einem Tal.

Die Skulptur kommt also nicht durchgehend aalglatt poliert daher, sondern zeigt etwas von ihrem Inneren. Der Torso wird menschlich, nicht nur aufgrund seiner Formen, durch die Offenlegung. Zeige deine Wunde! Heißt eines der berühmtesten Werke von Joseph Beuys aus den 70er Jahren. Dahinter steckt die Idee, dass eine Wunde nur geheilt werden kann, wenn man sie zeigt; ein Mensch nur erkannt und gesehen werden kann, wenn er sich zeigt, wenn er etwas von sich preisgibt. Verletzlichkeit offenlegen ist ein Zeichen von Stärke, es ist eine Form der Kommunikation, bringt Menschen einander näher, löst Empathie und Hilfe aus.»

– Metzdorf Julie, 9. August 2016, aus der Eröffnungsrede der Ausstellung “Wandelnde Strukturen” in der Akademie der Bildenden Künste München